Kapital und Gesellschaft bei den Rauriser Literaturtagen

, Konnie Aistleitner, APA

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Ernst-Wilhelm Händler, Unternehmer und Autor, mit Literaturtage-Co-Intendant Manfret Mittermayer.

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Kapital und Gesellschaft bei den Rauriser Literaturtagen

Die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk bei ihrer Lesung im Gasthof Grimming.

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Wer wäre berufener, über Kapital und Gesellschaft zu schreiben als einer, der Unternehmer ist. Der Bayer Ernst-Wilhelm Händler ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens und Literat. Freitagabend hat er bei den Rauriser Literaturtagen, die heuer unter dem Motto „Kapital.Gesellschaft" standen, seinen Roman „Der Überlebende" vorgestellt, die Geschichte eines Ingenieurs, der neben seinem Job intelligente Roboter herstellt für eine Welt ohne Menschen – ein wenig Faust, aber gleich in Kombination mit dem Teufel. Und Händler lässt die Geschichte immer wieder nahtlos ins Absurde gleiten.
In eine Welt, in der der Glaube an den Sozialismus durch den Glauben an den Markt ersetzt wird, führt die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk in ihrem Roman „Biographie eines zufälligen Wunders". Es ist die Geschichte einer jungen Re-voluzzerin, die in der unabhängig gewordenen Ukraine Wege aus einem System sucht, in dem die Allianz von Geld und Verbrechen zwingend scheint. Korruption und Gewalt und keine Zukunft – daraus gilt es aus-zubrechen. Maljartschuk erzählt die Geschichte, die mittlerweile von der ukrainischen Realität etwas überholt wurde, erfrischend bis zu Groteske. Sie sei jetzt erstmals stolz, Ukrainerin zu sein, hat sie in Rauris bekannt.

Den Schlusspunkt des dreiteilige Abends im Gasthof Grimming setzte am Freitag der Kärntner Josef Winkler, der bekanntlich kein friktionsfreies Verhältnis zu seiner Kärntner Heimat hat. Er servierte in Rauris zu später Stunde die Geschichte einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Kärnten und andere ebenso authentische wie üble Begebenheiten aus dem verhassten Dorf.
Den Hang zur Groteske hat er auch, im wesentlichen aber geht es um das Aufarbeiten einer Vergangenheit, die so gegenwärtig wirkt. „Mein literarischer Feldzug der verbalen Rache", sagt Winkler.  

Geld, Mensch, Wut & Hoffnung

„Der überflüssige Mensch” heißt das aktuelle Buch des „Wiener Bulgaren” Ilija Trojanow, mit dem er den Reigen der Sams-tagabend-Lesungen in Rauris eröffnete. Es war feuilletonistischer Essay und traurig-trockene Analyse der ökonomischen Wirklichkeit, mit der Trojanow sein Publikum konfrontierte. Die Konzepte zur Reduzierung der Weltbevölkerung auf etwa auf 250 bis 300 Millionen Menschen seien, so Trojanow, nicht seine, sondern Ted Turners Erfindung. Das Publikum im Rauriser Gasthof Grimming und im Platzwirt gegenüber, wohin die Lesungen vom ORF übertragen wurden, hörte und beklatschte diese wütend-streitbare Umver-teilungs-Polemik an der Grenze zwischen Literatur und Gesell-schaftspolitik.

Robert Menasse setzte noch eins drauf. Zuerst las er eine wunderbar leichte, einfache und amüsante Erzählung über einen Buchhändler und dessen Vergangenheit in der militant-linken Wiener Anarcho-Szene der 70er-Jahre. Im folgenden Autorengespräch aber legte Menasse richtig los und hielt ein flammendes  Plädoyer für die Europäische Union, die „im Gegensatz zu sämtlichen Friedensverträgen als einzige in der Lage ist, Nationalismus zu überwinden und Krieg in Europa zu vermeiden”. Schlüssig argumentiert, gut vorgetragen und – trotz der späten Stunde – ausdauernd beklatscht.

Das kann man von der Lesung von Katrin Röggla nur eingeschränkt behaupten. Die in Berlin lebende Salzburgerin fetzt in ihren teilweise neuen Erzählungen von Konferenz zu Meeting, von Berlin nach Hongkong und zurück und vom Privaten ins Gesellschaftliche, ohne dabei Bezugspunkte und Positionen klar zu stellen.

Insgesamt aber dürften die Literaturtage trotz des konkreten und verbindlichen Generalthemas gut funktioniert haben. Die Säle waren voll, wenn auch nicht so berstend wie in vergangenen Jahren. Dafür waren diesmal viele junge Menschen bei den  Lesungen in Rauris und die Stimmung war konzentriert und entspannt zugleich. Und sogar die Lyrik habe funktioniert, sagt Co-Intendant Manfred Mittermayer: „Die Leute haben getobt bei diesem kompakten Nachmittagsformat mit Musik. Ich glaube die Mischung ist einfach geglückt.”         

 

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